Chroniken der real existierenden Demokratie

Der Versuch die Grenzen der Unwissenheit zu erweitern

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„Du hast ja keine Ahnung!“

Erstellt von Yak am Samstag 4. Februar 2012

Es ist ein leider ziemlich beliebtes Spielchen bei Diskussionen: Wechselseitig sprechen sich die Beteiligten die Berechtigung ab, zu einem bestimmten Thema etwas sagen zu dürfen. Dabei unterscheiden sich Alltagsgespräche nicht von politischen Debatten oder akademischen Diskursen – der oder die andere hat halt einfach keine Ahnung. Schließlich hat das Gegenüber ja nicht studiert / war damals noch nicht geboren / hat das entscheidende Buch von Prof. Wichtig nicht gelesen / hat die bahnbrechende Studie von Institut Oberschlau falsch interpretiert / hat ein völlig falsches Weltbild / ist in seinem Lebenswandel nicht konsequent genug, um irgendwas kritisieren zu dürfen / … / oder ist schlicht zu blöd, um die simpelsten Zusammenhänge zu kapieren.

Genauso gerne erklären manche Menschen (ziemlich viele leider) anderen Menschen Dinge, die diese weitaus besser wissen, da sie unmittelbar davon betroffen sind. So, wenn etwa ein ehemaliger Landesfinanzminister, der neben seiner Pension noch umfangreiche Einnahmen aus Buchverkäufen erzielen dürfte, ganz genau zu wissen glaubt, wieviel Geld arme Menschen für eine abwechslungsreiche und gesunde Ernährung brauchen – ohne die Menschen, über deren Leben er einfach mal so eben entscheidet, gefragt zu haben oder näher auf ihre Bedürfnisse einzugehen. Noch mehr Beispiele und eine gute Analyse des Problems stehen im Beitrag „Die Besserwisser“ weiter unten auf dieser Seite. Auch anderswo sind Menschen darauf aufmerksam geworden, etwa auf der Seite „Derailing for Dummies“ (leider nur auf Englisch), wo man lernen kann, wie man in Gesprächen mit marginalisierten Gruppen mittels wirkungsvoller Tricks („Du hast ja keine Ahnung!“) immer die Oberhand behält. Schließlich weiß man als weißer, wohlhabender, heterosexueller Mann aus einem westlichen Industriestaat prinzipiell besser, wie es dem Rest der Menschheit denn so geht und was die Anderen alles falsch machen.

Wer hat also die Autorität, über ein bestimmtes Thema etwas sagen zu dürfen? Wann habe ich das Recht, anderen zu sagen, was Sache ist, und welches Gewicht sollte meine Meinung haben? Prinzipiell gibt es meiner Ansicht nach zwei grundlegende Fälle, die ich „Betroffenheit“ und „Expertise“ nennen würde und die sich nicht gegenseitig ausschließen, sondern im besten Falle ergänzen.

„Betroffenheit“ bezieht sich darauf, dass meiner Meinung nach Menschen am besten selbst über ihr eigenes Leben Bescheid wissen. Über Dinge, die mich persönlich betreffen, weiß ich normalerweise besser Bescheid, als irgendjemand, der sie nur vom Hörensagen oder aus dem Fernsehen kennt. Das heißt, wenn es darum geht, wie es Menschen geht, deren Familien nicht seit Hunderten von Jahren in Deutschland wohnen, sollte man zuallererst diese Menschen selbst fragen. Wenn ich wissen will, ob es in einer Stadt Probleme mit Rassismus gibt, liegt es nahe, zuallererst diejenigen Menschen zu fragen, die wegen ihres Aussehens, ihrer Sprache oder ihrer Herkunft von Rassist_innen als minderwertig konstruiert werden. Und eben nicht den Oberbürgermeister oder den Polizeichef.

„Betroffenheit“ als Begründung dafür, dass jemand Ahnung von einem Thema hat, ist natürlich nicht unbegrenzt. Natürlich sind Menschen, die direkt involviert sind, in ihren Standpunkten und Meinungen subjektiv und haben nur eine begrenzte Perspektive. Und natürlich lässt sich dieses Kriterium auch übertreiben, wie es etwa mein Großvater getan hat, für den seine persönlichen, begrenzten Beobachtungen, die er während des Überfalls auf die Sowjetunion gemacht hat, immer die höchste Autorität hatten, und der sich durch keine Ergebnis wissenschaftlicher Forschung von seinem Standpunkt abbringen ließ, dass es sich um einen legitimen Präventivkrieg gehandelt habe.

Dennoch ist es meiner Ansicht nach überaus wichtig, die Menschen, die direkt mit dem zu diskutierenden Problem befasst sind bzw. täglich mit den Konsequenzen zu leben haben, zu Wort kommen zu lassen. Sie wissen selbst am besten, wie es ihnen geht.

Mit „Expertise“ meine ich, dass Menschen, die sich ausführlich mit einem Thema beschäftigt haben, normalerweise mehr wissen können, als diejenigen, die das Thema nur flüchtig kennen. Dies gilt umso mehr, wenn Experten sich ihr Wissen systematisch und nachvollziehbar angeeignet haben, wie etwa (im besten Fall, aber leider nicht immer) bei wissenschaftlicher Forschung. Expertise beschränkt sich aber keinesfalls auf Wissenschaft, sondern umfasst ebenso Menschen mit praktischer Erfahrung in einem bestimmten Bereich oder auch einfach jemanden, der sich sein Wissen angelesen hat. Dabei sind natürlich viele Abstufungen möglich – der Bäcker, der seit 20 Jahren Brötchen backt, hat vermutlich mehr Ahnung davon, als jemand anderes nach der Lektüre eines Buches oder des entsprechenden Wikipedia-Artikels.

Wie das Kriterium der Betroffenheit ist auch das der Expertise nicht unbegrenzt: Nicht jeder Mensch mit einem akademischen Titel ist auch wirklich Experte für das Thema, über das er sich gerade in der Zeitung auslässt – oft genug mischen sich Wissenschaftler_innen in Bereiche ein, wo ihnen die Fachkenntnis eigentlich fehlt. Zudem existieren oft sehr unterschiedliche Lehrmeinungen zu einer bestimmten Frage, und manchmal erscheinen Wissenschaftler_innen eher von Ideologie getrieben als von wissenschaftlichen Standards (so erscheint es mir zum Beispiel beim einem Großteil der Wirtschaftswissenschaft).

Ich stehe nun allerdings vor einem Folgeproblem: Denn ich möchte mich natürlich auch zu Themen äußern, von denen ich nicht direkt betroffen bin und mit denen ich mich auch (noch) nicht systematisch beschäftigt habe. Wie vermutlich die meisten Menschen bilde ich mir aufgrund eher flüchtigen Medienkonsums und einigen Diskussionen mit Mitmenschen eine Meinung zu vielen Themen. Nicht auszuschließen ist dabei, dass ich vor allem diejenigen Informationen aufnehme, die meine vorgefassten Meinungen bestätigen. Auf mich trifft meistens keines der oben formulierten Prinzipien zu, weder Betroffenheit noch Expertise.

Trotzdem möchte ich natürlich weiterhin meine Meinung äußern (und tue das auch). Ebenso sollte das meiner Ansicht nach jeder Mensch prinzipiell tun können. Diskussionen über politische, wirtschaftliche, gesellschaftliche und andere Fragen sind wichtig – schon allein zur Kontrolle der Herrschenden – und es wäre falsch, sie auf akademische Zirkel und Selbsthilfegruppen zu beschränken. Das Recht zu allem eine Meinung haben zu dürfen, wurde in der Geschichte in harten Auseinandersetzungen erkämpft und stellt eine wichtige Errungenschaft dar. Grundsätzlich hat also erst einmal jede und jeder das Recht, sich zu allen möglichen Fragen zu äußern, egal wie viel Ahnung oder Ahnungslosigkeit im konkreten Fall vorhanden ist. Ausnahmen würde ich nur bei menschen- und tierverachtender Propaganda (hate speech), krassen Beleidigungen und Bedrohungen machen.

Aus diesem Widerspruch (Betroffenheit und Expertise als Kriterien für „Ahnunghaben“ vs. Recht auf Ahnungslos-Quatsch-Reden für alle) gibt es meiner Ansicht nach keinen einfachen Ausweg. Aber es gibt mühevolle, aber lohnenswerte Möglichkeiten: Sich bewusst werden, wie viel oder wenig man eigentlich weiß. Reflektieren, warum man eigentlich glaubt, Ahnung vom Thema zu haben. Offen dafür sein, eines Besseren belehrt zu werden. Meinungen als vorläufig verstehen und bereit sein, sie zu revidieren, wenn neue Erkenntnisse (von jemandem, der es aus bestimmten Gründen besser weiß) hinzukommen.

Für eine faire und transparente Debatte ist es wichtig, die Quellen des eigenen Wissens offen zu legen - und eben nicht zu behaupten, dieses oder jenes sei offenkundig / allgemein bekannt / sowieso klar etc.. Sondern transparent zu machen, ob man aus eigener Erfahrung spricht, die Freundin eines Bekannten des Schwagers mal jemanden getroffen hat, der Folgendes erlebt hat, ob man ein Buch gelesen hat, sich auf Wikipedia stützt oder auf seine Habilitationsschrift. Dabei geht es nicht um akademischen Fußnotenfetischismus, wo noch jedes Komma belegt und interpretiert werden soll, sondern schlicht darum, fairerweise klar zu machen, wie viel oder wenig Ahnung man vom Thema hat.

Versuchen wir es gleich mal: Wieso sollte man diesem Artikel Glauben schenken und wieso glaube ich, dass ich Ahnung hiervon habe? Allgemein interessiere ich mich dafür, wie Menschen in dieser und anderen Gesellschaften zusammenleben und warum das nicht so gut klappt. Ich habe dazu auch einige Bücher und Studien gelesen. An einer Universität habe ich mich auch herumgetrieben, und dank meines Schmalspurabschlusses habe ich zumindest ein wenig Ahnung vom wissenschaftlichen Arbeiten und vom akademischen Betrieb. Und vor allem habe ich ausgiebige Debatten über das Thema geführt mit dem Menschen, der „Die Besserwisser“ verfasst hat und meiner Ansicht nach von der oben erwähnten Problematik leider sehr viel Ahnung hat.

Trotzdem ist dies sicher nicht der Weisheit letzter Schluss und vermutlich kann man mir leicht nachweisen, dass ich ziemlichen Blödsinn verfasst habe. Schließlich habe ich noch nicht einmal Habermas gelesen.

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Arbeitslos, Arbeit los oder los arbeite!

Erstellt von Schreiberling am Dienstag 22. November 2011

"Arbeitslos ? Warum, ist die Welt denn schon fertig ?" Ich weiß nicht, wer diesen Spruch eigentlich zuerst gesagt hat, aber er hängt bei einem Bekannten an der Tür. Und eigentlich enthält er weit mehr Wahrheit, als auf den ersten Blick zu erkennen ist.

Nehmen wir erst einmal die "Arbeit". Denn ohne die Definition der selbigen wird es auch schwer werden, das "Arbeitslos" zu verstehen.

Eigentlich ist Arbeit, zumindest physikalisch gesehen,  "wenn eine Kraft längs eines Weges auf einen Körper wirkt." In diesem Sinne würde man erwarten, dass Menschen, die arbeiten, etwas bewegen. Und auch in der Realität wurde Arbeit lange als Kraftaufwendung verstanden, um etwas Sinnvolles zu schaffen.  Was genau "sinnvoll" ist, definierte meist derjenige, der die Macht dazu hatte. Irritierenderweise wurden diejenigen, welche die Arbeit bestimmten und sie physikalisch in Anspruch nahmen,  später "Arbeitgeber" genannt und diejenigen, welche die Arbeit verrichteten und sie gaben, "Arbeitnehmer."  Warum, weiß vermutlich keiner, aber ich könnte mir denken, dass man lieber jemand ist, der etwas gibt, als jemand, der etwas nimmt.

[Vielleicht ist die folgende Beobachtung nicht ganz richtig, aber nur das Ergebnis ist für die weitere Betrachtung relevant.]

Interessanterweise wurde der Arbeitsbegriff im Laufe der Zeit immer abstrakter.  Immer weniger Arbeit musste körperlich verrichtet werden, und immer mehr andere Arbeiten erledigten die Arbeitnehmer für Arbeitgeber. Im Zuge der Emanzipation der Frau und den 68ern wurden immer mehr Tätigkeiten als Arbeit definiert. Zuerst alle körperlichen Arbeiten außerhalb eines Arbeitgeberverhältnisses (z.B. Haushaltstätigkeiten), dann immer abstraktere Tätigkeiten (Kunst, Steuererklärungen, Bloggen), bis schließlich manche sogar das "Nichtstun" als Kunst und somit Arbeit definierten.

Aller Arbeit gleich ist jedoch, dass diejenigen, welche die Arbeit verrichteten, entweder Geld dafür bekommen, oder es zumindest wollen (und sei es durch Ausgabensparen).

In diesem Sinne muss auch die Arbeitslosigkeit gesehen werden. Denn arbeitslos ist nicht ein Mensch, der keine Arbeit macht, sonder ein Mensch, der dafür nicht bezahlt wird. Dabei ist es irrelevant, ob ein Mensch eine andere Einkommensquelle hat.

Weder wird bei Multimillionären, die von den Zinsen ihres Vermögens leben, von Arbeitslosen gesprochen, noch bei Rentnern, Kindern oder Menschen, die keine Arbeit erledigen können, für die Arbeitnehmer bezahlen würden.

Es ist sogar völlig egal, ob die Arbeit Sinn macht oder nicht. So zählen auch Versicherungsvertreter, Soldaten oder Spekulaten zu den bezahlten Arbeitnehmern. Dabei wäre in einer Gesellschaft, die solidarisch zusammenhält und gemeinsam entscheidet, wo welche Ressourcen verwendet werden, keiner dieser  Berufe von Nutzen. Im Gegenteil, Soldaten vernichten sogar oft die Arbeit anderer,  und wie mittlerweile jedem klar sein dürfte, Spekulanten auch.

Letztendlich ist "Arbeit eben nur eine Sekundärtugend, mit der man"  [auch hier habe ich den Autor gerade nicht parat] " auch KZs errichten kann".

Im Gegensatz dazu zählen viele Arbeiten, die der Gesellschaft einen großen Nutzen bringen, nicht als Arbeit. So kann der Jugendtrainer im Sportverein, die nette Nachbarin, die beim Umzug hilft, der Künstler, der umsonst in seiner Lieblingskneipe spielt,  die couragierte Frau, die spontan euer Auto repariert, wenn es liegengeblieben ist, der Freund, der um halb drei Uhr Nachts sich noch den Liebskummer anhört, und auch die  Person, die euch aufhilft wenn ihr mal gefallen seid, arbeitslos sein. Und das sogar, wenn die sinnvollen Tätigkeiten mehr als 40 Stunden die Woche umfassen.

"Arbeitslos" ist eben ein von der Gesellschaft geschaffenes Konstrukt, das bezahlte Tätigkeit für Geld aufwertet und jede andere abwertet.

Wäre es nicht viel sinnvoller, alle sinnvolle Arbeit auf alle, die diese Tätigkeiten ausführen können, gerecht aufzuteilen? Denn auch um den Status quo aufrecht zu erhalten, wird es noch lange genug Arbeit für alle geben.  Und eigentlich gibt es auch genug Dinge wie Essen, Bildung oder Strand, so das niemand davon ausgeschlossen werden muss.

Natürlich gibt es da den berechtigten Einwand, dass die Menschen dazu neigen, Arbeit zu vermeiden.  Solange man es nur alleine tut, wird das Faulheit genannt, wenn man es für alle ermöglicht, heißt es Genie.

Um das zu überwinden, gab es früher drakonische Strafen, und heutzutage Geld. Was eigentlich auf dasselbe hinausläuft, denn wer kein Geld hat, muss auch in dieser Gesellschaft hungern, frieren oder sich in Lumpen kleiden, was einem Pranger nahe kommt.

Natürlich kann man Menschen mit Geld dazu bekommen, in dieser Gesellschaft zu arbeiten. Und vielleicht ist es noch nicht einmal die schlechteste Lösung. Aber braucht man dazu denn wirklich eine solche Drohung, wie arbeitslos sein ?

Arbeitslos ist eben in der heutigen Gesellschaft nichts Anderes als die Drohung "Arbeite oder stirb." Auch wenn dies selten so ausgesprochen wird, erinnert es doch eher an düstere Zeiten unserer Geschichte. Und wer meint, dass dies zu hart wäre, der sollte sich überlegen, wie man mit einer 30 %-Kürzung des Arbeitslosengeldes II leben soll, wenn angeblich 100 %  schon das Existenzminimum ist.

Dabei gibt es eigentlich humanistische Werte, die behaupten, dass ein Menschnenleben an sich schon ein Wert ist, das es zu erhalten gibt. Im Gegensatz dazu ist Arbeit eigentlich ein Übel, das es nach Möglichkeit zu veremeinden gilt. Sonst hätten weder Waschmaschinen, noch Räder oder auch Computer eine Berechtigung in dieser Gesellschaft.

Und daher sollten wir doch froh sein, wenn es jetzt schon Menschen gibt, die nicht arbeiten müssen. Und darauf hin "arbeiten", dass es mehr werden. Und auf dem Weg dahin sowohl die Arbeit wie die Ressourcen (hier meist Geld) einigermaßen fair verteilen. Denn im Moment ist noch niemand wirklich arbeitslos. Und die Welt auch noch lange nicht fertig.

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Warum real existierende Demokratie ?

Erstellt von Schreiberling am Freitag 8. Juli 2011

Natürlich kommt bei dem Titel dieses Blogs die Frage auf, warum dieser seltsame Name ? Gibt es noch irreale Demokratie ? Meint man damit den Unterschied zu den "Demokraturen", in denen so getan wird, als ob man wählt ? Oder ist dies sogar eine extremistische Seite, welche die Demokratie mit den Diktaturen vergleicht ?

Zuerst einmal: Was ist eine Demokratie ? Das ist gar nicht so einfach. Manche sagen, die beste Staatsform aller Zeiten. Manche sagen, die schlechteste Staatsform außer allen anderen, was sinngemäß auf dasselbe herauskommt.  Dabei besagt Demokratie erst einmal, dass es sich um eine Herrschaft des Volkes handelt, was normalerweise dadurch passiert, dass irgendwie die Mehrheit der Wähler eine Regierung wählt, die dann alles Weitere entscheidet. Nur in wenigen Ländern wie der Schweiz entscheiden die Wähler dann auch über wesentliche Teile der Politik direkt.

Interessant sind dabei zwei Dinge. Erst einmal, dass die Wähler nicht unbedingt die Mehrheit des Volkes sein müssen. Denn lange Zeit galt es auch als demokratisch legitim, die Frauen der Gesellschaft nicht mit abstimmen zu lassen. Dazu kommt, dass fast nirgends Kinder oder Ausländer mit wählen dürfen. In einigen Ländern auch keine Strafgefangenen, geistig als abnormal Eingestufte oder sogar irgendwelche nationale Minderheiten.

Zweitens sind Demokratien sehr unterschiedlich. Mal gibt es einen Wahlzwang, mal muss man sich zur Wahl erst registrieren lassen. Mal wird per Mehrheitswahlrecht  gewählt, das bedeutet, dass nur der/die KandidatIn mit den meisten Stimmen mit regieren darf, mal mit Verhältniswahlrecht,  es gibt Länder, wo die Parlamentssitze nach Volksgruppen vergeben werden, und andere, wo Volksgruppen extra Sitze im Parlament erhalten. Es gibt Demokratien wo die Judikative, die Exekutive und die Legislative gewählt wird, und wieder andere, wo nur eine Person gewählt wird, die dann alles benennt. Es gibt Demokratien, wo man nur Parteien wählt, und andere, wo nur die Kandidaten gewählt werden. Ja, es gibt so unterschiedliche Demokratien auf dieser Welt, dass man, selbst wenn jeder Staat der Welt eine Demokratie wäre, nicht alle Demokratieformen ausprobieren könnte.

Trotzdem stehen alle diese Länder als Verbund der Demokratien und betrachten sich selbst als beste Herrschaftsform aller Zeiten.  Und das Erstaunliche: Das jeweilig wahlberechtigte Volk findet das meist auch so.

Dabei ist es schwer, herauszufinden, was die Demokratie so toll macht. Im Moment beteiligen sich Demokratien massiv an Kriegen, und alleine die westlichen Demokratien geben 71% der weltweiten Rüstungskosten aus. In den meisten Demokratien werden die Sozialausgaben gesenkt. Die Grundrechte werden längst nicht in allen Demokratien geachtet, und es gibt keine Demokratie, die wirklich alle Menschenrechte umsetzt (obwohl sie oft als Wert der Demokratien gesehen werden). Demokratien sind manchmal wirtschaftlich erfolgreich, manchmal aber auch nicht.  Demokratien sind für den größten Anteil des weltweiten CO²-Ausstoßes verantwortlich. Demokratien werden regelmäßig in UN-Berichten über soziale Ungleichheit, Menschenrechtsverletzungen  und Umweltzerstörung angeprangert.

Und das soll die beste Staatsform sein?

Klar, jetzt kommt gleich das Argument: Nenn mir eine bessere. Und das ist auch leicht zu machen. Für einen  fundamentalistischen Christen wäre eine Papstherrschaft wohl besser. Für ein bestgebildetes Genie aus Uganda vielleicht eine Oligachie der Intelligentesten oder für einen Nazi auch ein neuer Führer. Aber für aufgeklärte Menschen, die noch an Würde und Vernunft glauben ?

Ich zumindest kann mir bessere Staatsformen vorstellen. Dabei ist es sogar nicht so relevant, ob es sich um Demokratien handelt oder um andere Regierungsformen. Das Wichtige ist doch, was dies reell für die Menschen, letztendlich für alle Lebewesen auf diesem Planeten bedeutet.

Und natürlich ist es möglich,  diese Ziele in einer Demokratie zu verwirklichen. Vermutlich sogar besser, als in vielen anderen Staatsformen. Ob in allen? Ich wäre mir nicht so sicher.

Vor allem ist es fazinierend, was mit dem Argument: Wir sind eine Demokratie!!! - alles möglich wird.  Damit werden Kriege begründet, Menschen für illegal erklärt, Sozialdarwinismus betrieben oder auch die letzten Ressourcen  des Planeten verschleudert, oder sogar über andere Menschen geschimpft, weil sie falsch abgestimmt haben. Dabei ist Demokratie gar kein Argument. Es ist eine Staatsform, die beweisen muss, dass sie besser ist als alle anderen. Und wenn ich mir die Menschen manchmal ansehe, glaube ich nicht, dass die Mehrheit immer so kluge Entscheidungen trifft.

Gerade weil das der real existierenden Demokratie im Moment so schlecht gelingt, hält sie meist die Demokratie als Flagge in den Wind, um die Demokratie zu legitimieren. Man stelle sich vor, dass die FDP behaupten würde, sie sei die beste Partei der Welt, weil sie eben die FDP sei. Niemand würde das der FDP glauben. Die meisten würden eher lachen. Wenn es sich aber um die real existierende Demokratie handelt, sieht das anders aus. Dann ist zum Schutz der Demokratie sogar die Abschaffung der Grundrechte  legitim.

Daher beobachten einige kritische Menschen die real existierende Demokratie nicht mit blinder Bewunderung. Sondern mit Sorgfalt, Argwohn  und Sorge. Nicht um sie zu vernichten, sondern um etwas Besseres zu schaffen. Denn egal, wie das real existierende Etwas dann heißt. Wenn es besser ist als das, was wir jetzt haben, wenn es sozialer, umweltfreundlicher, menschlicher und gerechter ist, dann hat es auch seine Berechtigung.  Und dann ist dieses Blog vermutlich auch schon Geschichte, und man muss  sich mit dem neu existierenden Etwas kritisch auseinandersetzen. Denn es gibt kein Ende der Geschichte.

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Die ehrliche Elite

Erstellt von Schreiberling am Donnerstag 9. Juni 2011

Wir alle wissen, dass es eine ehrliche Elite geben muss. Die Idee des Kommunismus ist gescheitert und die Idee, dass alle Menschen gleich werden, nur weil sie die gleichen Angebote bekommen, wurde  als ein Irrtum der Geschichte abgetan. Daher gibt es heute wieder viele ehrliche Förderungsmöglichkeiten, um die besten und begabtesten jungen Menschen zu fördern.

Da wären zum Beispiel die multilingualen Kindergärten mit einen Betreuerschlüssel von 1 zu 4. Selbstverständlich muss Ihr Kind da keine Angst haben, auf arme Kinder zu treffen. Mit einem Jahresbeitrag von 4000 € (333 € im Monat) wäre jede arme Familie überfordert. Und für Sie ist dies der erste Schritt in die beste Zukunft ihres Kindes.

Wenn das Kind dann schon als etwas Besseres den Kindergarten abgeschlossen hat, kommt die nervige Phase der Grundschule. Hier gehen die meisten Kinder auf ein und dieselbe Schule. Jetzt hilft nur noch, durch außerschulische Leistungen wie Musikschule, Sportgruppen oder individuelle Betreuung dem Kind klar zu machen, dass es etwas Besseres ist. Natürlich gibt es da auch Förderungen für arme Kinder, aber wenn ihr Kind die ganze Woche zuhause auf dem Klavier üben kann und das des Hartz-IV-Empfängers nur einmal die Woche in der Musikschule, da es zuhause aus Kostengründen kein Klavier hat, wird ihr Kind dank seiner großen Begabung die armen Kinder schnell überflügelt haben.

Zum Glück endet die Phase der Grundschule auch nach wenigen Jahren wieder und Ihr Kind besucht natürlich das Gymnasium. Wären Sie so richtig reich, wäre auch eine Privatschule denkbar, aber das Geld fehlt ihnen dann leider doch wieder.  Aber schon auf dem Gynasium tummeln sich ja hauptsächlich Kinder von reicheren und besser gebildeten Menschen. So ist die Gefahr, dass ihr Kind eineN FreundIn findet, die nicht zu ihrer ökomischen Klasse gehört, fast gleich Null.

Wenn Ihr Kind dann endlich sein Abitur gemacht hat, am Besten in einer Hochbegabtenklasse, wo es 5 Stunden die Woche, auf Kosten des Staates etwas Zusätzliches lernen darf (zum Beispiel, ein zweites Instrument oder eine weitere Sprache), sucht es sich die richtige Universität. Natürlich wird auch hier auf Qualität geachtet. Und die kostet dann auch mal etwas. Gute Unis haben meist höhere Semesterbeiträge und oft auch zusätzliche Kosten für extra Angebote. Das könnte teuer werden.

Zum Glück schlägt der Direktor des Gymnasiums  ihr Kind, dank der besten Noten, für ein Stipendium vor,  zum Beispiel bei der größtenteils steuerfinanzierten Studienstiftung des deutschen Volkes. Natürlich gehört Ihr Kind, wie die meisten Stipendiaten, leider zu dem Teil der Bevölkerung, der zu reich ist, um das volle Stipendium zu bekommen.  Nur 16% von den Stipendiaten der Studienstiftung des deutschen Volkes sind so arm, dass sie ein Vollstipendium brauchen.  Sicher nur ein Zufall. Aber auch die momentan 150 € Büchergeld pro Monat (bis 2013 sollen es sogar 300 € werden) sind immerhin genug, um die Kosten für Ihr Kind zu reduzieren. Schließlich gönnen sie sich ja sonst nichts und die bisherige Ausbildung ihres Kindes hat ja schon Einiges gekostet. Und es wird ja auch mal Zeit, dass der Steuerzahler die Kosten für ihr Kind mit übernimmt. Schließlich gehört es zur Elite.

Wenn ihr Kind dann an der richtigen Uni ist, vergessen Sie nicht, es auf ein paar weitere Förderungsmöglichkeiten hinzuweisen. Zum Beispiel Projekte wie das Model United Nations (MUN). Dies ist eine internationale Simulation, bei der ihr Kind lernt, sich genauso zu benehmen wie die Elite in der Welt im Moment. Da kann es mehr lernen, als nur Sprachen und Verhaltensweisen. Wenn es sich richtig anstellt, werden da auch Netzwerke für die Zukunft geknüpft. Natürlich kostet so eine Simulation schon mal 700 Euro. Und einen Vortest muss Ihr Kind auch noch bestehen. Aber dafür können Sie sicher sein, dass kein armer Studierender ihrem Kind dort nahe kommt.  Aber keine Sorge, ein Zusammenhang zu den armen Studierenden besteht auch bei diesem Planspiel. Sie zahlen durch ihren Studienbeitrag kräftig für die Simulation mit, so dass dieser internationale Urlaub (mit viel Arbeit) zur Hälfte von den anderen Studierenden, also auch jenen, die ihn sich niemals leisten könnten, mit finanziert wird. Zur Belohnung erhält man natürlich noch eine Einskommanull für die erfolgreiche Simulation. Das wertet den eigenen Abschluss auf, und ein zukünftiger Chef sieht sofort, dass man schon immer zur Elite gehörte.

Natürlich gehört zu einem ordentlichen Studium heute auch noch ein Auslandssemester. Und ihr Kind wird mindestens eines davon absolvieren. Dabei achten Sie am besten darauf, dass es in einem Land studiert, das Deutsche an sich schon als Elite akzeptiert.  Dort kann es auch mit eher schlechten Leistungen die besten Noten erhalten. Natürlich ist so ein Auslandssemster auch eine Gefahr, denn heutzutage dürfen sogar BAFöG-Empfänger im Ausland studieren und gerade in der Fremde könnten sich ungünstige Freundschaften entwickeln. Zum Glück ist das Geld, was einE BAFöG EmpfängerIn bekommt für einen Flug in entferntere Regionen der Welt zu knapp. Insbesondere dass Förderungen wie das ERASMUS-Stipendium auf das BAFöG teilweise angerechnet werden, leert den Geldbeutel der Armen und sichert ihrem Kind den Elitestatus. So kann ihr Kind wenigstens dort ungestört von ElendsstudentInnen seine Partys feiern.

Des Weiteren empfiehlt es sich, das Kind nicht so kurz zu halten, dass es arbeiten muss. Auf den ersten Blick entlastet dies zwar die eigenen Kasse, für die Karierre ist dies aber suboptimal. Stattdessen sollte sich Ihr Kind irgendwo ehrenamtlich engagieren. Wenn es sehr auf Karierre aus ist, bieten sich die Parteien an, ansonsten hilft aber auch ein Engagement bei Amnesty International, Greenpeace oder dem Roten Kreuz. Das macht sich nicht nur im Lebenslauf gut, sondern ermöglicht Ihrem Kind auch, auf die Anderen herabzuschauen. Schließlich setzen sich die anderen Studierenden nicht für eine bessere Welt ein, sondern sitzen nur egoistisch an der Supermarktkasse. Da zeigt sich dann auch wieder, dass Ihr Kind zum besseren Teil der Menschheit gehört und sich auch so fühlen darf.

Nach dem erfolgreichen Bachelor macht ihr Kind dann natürlich erst einmal ein paar gute Praktika. Da sie das Geld haben und ihr Kind ja auch keine Schulden (zum Beispiel durch BAFöG), kann es sich in Ruhe um die besten Plätze bewerben, während die armen Menschen sich schon eine Arbeit suchen müssen. Wie wäre es beim Auswärtigen Amt? Da gibt es sicher gute Karrierechancen, wenn man schon mal "Model United Nations" mitgemacht hat. Und auch die großen Firmen sind sicher dankbar für kostenlose Praktikanten. Und wenn die später mal jemanden einstellen müssen, erinnern sie sich vielleicht an Ihr Kind.

Nach einem Jahr oder so fängt dann Ihr Kind einen Master an. Dank den Praktika, den guten Noten, den vielen Fähigkeiten und dem nötigen Kleingeld sucht sich Ihr Kind natürlich einen Elitestudiengang aus. Was sind schon 7000 € Studiengebühren im Jahr, wenn man dafür die Welt mitregieren kann? Klar, nur in der zweiten Reihe, aber immer noch besser, als sich unten um die billigen Jobs prügeln zu müssen.

Außerdem kann man diesen Studiengang endlich ganz entspannt angehen. Denn hier ist man als Elite endlich unter sich. Das nächste Mal trifft Ihr Kind auf arme Menschen höchstens im Hotel, wenn sie die Betten machen, oder an der Supermarktkasse, wo ehemalige Kommilitonen oder Mitschüler noch immer ihre Schulden abarbeiten und Ihrem Kind das Leben erleichtern.

Wenn Ihr Kind dann noch einen Master gemacht hat,  darf es sich dann endgültig zur Elite zählen. Klar, ein Doktortittel passt noch gut dazu, ist aber nicht mehr unbedingt nötig, es sei denn, das Kind will in die Wissenschaft oder Politik.  Aber auch ohne dieses Sahnehäubchen bleibt Ihr Kind kaum lange ohne gut bezahlte Arbeit. Und wenn es dann mehr verdient als Sie selbst und Ihre Enkel in den multilingualen Kindergarten schickt, wissen Sie, dass ihr Kind einfach schon immer zu den besten Menschen gehört hat.

Ach ja, eine Kleinigkeit wäre da noch zu beachten. Leugnen Sie auf jeden Fall, dass diese Karierre etwas mit Geld oder dem sozialen Hintergrund Ihres Kindes zu tun gehabt hatte. Es kommt doch nicht so gut an, wenn man vielleicht zumindest Teile der Karriere dem höheren Einkommen verdankt. Denn dann wäre es ja denkbar, dass Ihr Kind doch nicht besser ist als all die anderen Kinder. Und das wünschen Sie sich doch kaum. Falls Ihnen dann doch mal ein armer Mensch solche Vorwürfe macht, antworten Sie einfach überlegen: "Natürlich haben meine Kinder ihre Karriere nur geschafft, weil sie  besser waren als Ihre. Alles Andere ist neidisches Geschwätz. Und Sie sollten mir glauben, weil ich ja auch schon viel bessere Noten hatte als Sie. Das bestätigt Ihnen auch mein Freund Dr. X und mein Doktorvater Professor Y. "

Und da Sie zu der Elite gehören, werden Ihnen die meisten Menschen  glauben. Denn Elite bedeutet ja gerade, dass man es besser weiß. Und das man etwas Besseres, Edleres, Intelligenteres, Fleißigeres und Ehrlicheres ist. Eben schlicht und einfach eine ehrliche Elite.

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Die Besserwisser

Erstellt von generalized_reciprocity am Dienstag 7. Juni 2011

In einer Anfangsszene eines meiner Lieblingsfilme ("The Virgin Suicides") liegt die kleine Cecilia im Krankenhaus, weil sie sich die Pulsadern aufgeschnitten hatte. Der Arzt, dessen Gesicht wir nicht sehen können, da er mit dem Rücken zur Kamera steht und dadurch nahezu schematisch wirkt, als könnte jeder Andere an seiner Stelle sein, - äußert seine Bestürzung über das Geschehene: "Was machst du hier, kleines Fräulein? Du bist noch viel zu jung, um zu wissen, wie hart das Leben ist." Cecilia antwortet in einem erschreckend sarkastischen, kaltblütigen Ton: "Ach, wirklich, Doktor? Waren Sie schon mal ein 13-jähriges Mädchen?"

Kennt ihr das? Die Anderen wissen immer besser Bescheid, wie es euch geht. Wenn ihr eine Mutter habt, dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass diese immer glaubt (beziehungsweise bis zu einem gewissen Zeitpunkt, wo sie es anders lernen musste, glaubte), besser zu wissen, wie viel Schlaf ihr braucht (und vor Allem, wann), ob es euch kalt ist, was für Freunde ihr haben sollt, was im Leben so grundsätzlich wichtig ist, welche Freizeitaktivitäten für eure Entwicklung förderlich sein könnten (und vor Allem, wie die Entwicklung an sich auszusehen hat) und  ob ihr Hunger habt (und vor Allem, womit Letzterer gestillt werden sollte).

Vielleicht habt ihr ja auch einen Vater, der immer besser weiß, welche Berufe/Beschäftigungen/Einstellungen/politische Meinungen/was auch immer als anständig und erstrebenswert gelten. Und worauf es im Leben wirklich ankommt. Und wie ihr mit ihm zu reden habt. Einfach so. Er weiß es halt besser.

Oder vielleicht hattet ihr auch mal Lehrer gehabt, die zwar ständig Fehler machen und auch persönlich alles Andere als vorbildlich waren, dafür aber umso mehr ihre Autorität mit recht agressiven Methoden verteidigten und einfach keine Widerrede duldeten. Oder Freunde und Kollegen, die eine(n) den ganzen Tag/Abend nicht zu Wort kommen lassen, nur um am Ende  vollkommen davon überzeugt zu sein, dass sie sich ja perfekt vorstellen können, was bei dir so los ist, und nun bestens informiert sind. Und egal, was man so für Probleme hat, es wird auf jeden Fall alles gut, sie wissen es schließlich ganz genau.

Es ist nicht so harmlos, wie es scheint. Was ist mit Polizisten, die keinerlei Ahnung von der aktuellen Rechtslage, geschweige denn Menschenrechten, haben, und mit uns trotzdem alles tun können, was ihnen gerade so einfällt? Grundschullehrer, die kleine Kinder ins Elend schicken, weil sie der Meinung sind, dass diese sich für die Hauptschule eignen? Regierungen, die sich anmaßen, zu wissen, was ein mittelloser Arbeitssuchender und seine Kinder zum Leben brauchen, und was wohl ein angemessener Mindestlohn einer Reinigungskraft wäre? Krankenkassen, die es besser wissen, was ein Mensch alles braucht, um gesund zu bleiben, und wie viel es ihn kosten darf? "Experten", die fleißig um die Welt reisen, um Menschen in armen Ländern zu erklären, wie sie zu leben haben und wie sie sich am besten "entwickeln"? Warum wissen sie es eigentlich besser, wo sie von den Problemen, über die sie reden, doch gar nicht betroffen sind?

Ich begegne diesen Menschen nahezu täglich. Sie fragen mich, wo ich herkomme, und ich nenne das Land. Sie fragen mich nach der Stadt, und ich antworte. Danach sind sie enttäuscht, weil sie die Stadt nicht kennen. Die meisten von ihnen kennen ja auch nur zwei-drei Städte in diesem besagten Land, und auch diese nur vom Hören. Außerdem sind sie enttäuscht, weil ich ihre Vorstellungen nicht erfülle. Ich sehe nicht so aus, wie sie erwartet hätten, dass eine Person meiner Herkunft aussehen würde, und sie können sich nicht erklären, warum ich die Sprache so gut beherrsche, auf die sie geglaubt haben, ein Monopol zu haben. Sie tun so, als wären sie über die Zustände in dem Land, wo ich aufgewachsen bin, umfassend informiert, und zeigen sich wiederum enttäuscht und verwirrt, wenn ich diese Erwartungen nicht erfüllen kann oder will. Sie versuchen, mir Dinge über Deutschland zu erklären, die ich schon seit Jahren und nicht selten auch viel genauer weiß. Und sie begreifen nicht, was sie tun.

Die Taktiken sind vielleicht neu, doch die Trennlinien erstaunlich stabil. Auffällig ist, dass dieselben Gruppen von dem entstehenden Ungleichgewicht profitieren, wie schon in anderen, "modernen" und "vormodernen", Gesellschaftsformationen. Männer reden über Frauen, Reiche über Arme, ältere Personen über jüngere, "Weiße" über "Schwarze", "Einheimische" über "Ausländer", also: Stärkere über Schwächere. Sie reden "über", aber viel zu selten "mit". Da wo ich aufwuchs, wurde mir gesagt, man sollte doch den Mund halten, wenn man keine Ahnung hat. Ich hatte das auch ehrlich hingenommen, bis ich irgendwann feststellte, dass das Prinzip nicht für alle gleich galt, oder zumindest seine Umsetzung sehr stark danach variierte, ob man nun männlich oder weiblich war und wie alt man war. Was ich bei vielen Menschen, die das deutsche Bildunssystem durchlaufen, nun feststelle, ist das Gegenteil: Es wird erwartet, dass man eine Meinung hat, selbst wenn man keine Ahnung hat. Und wer seine Meinung am geschicktesten durchsetzen kann, gewinnt, unabhängig davon, ob die Meinung vielleicht der letzte Quatsch ist.

Wozu das alles führt, ist ziemlich offensichtlich: Wir sind vielleicht noch nicht in der viel beschworenen Wissensgesellschaft angekommen, dafür aber eindeutig in einer Besserwissergesellschaft. In den verbal-diskursiven Schlachten dieser Gesellschaft gewinnt der Stärkere, nicht der Einfühlsame und der Vernünftige. Dies resultiert in einer partiellen Entmündigung ganzer Bevölkerungsgruppen, die nicht das nötige Selbstbewusstsein und nicht das passende rhetorische Werkzeug besitzen, um ihre Interessen zu artikulieren, weil die Anderen immer die "bessere" Bildung, "mehr" Ahnung und mehr Prestige vorweisen können. Früher benötigte man diese Mittel nicht so sehr wie heute. In (explizit) undemokratischen Gesellschaften reichte der Glaube an die eigene (angeborene) Überlegenheit an dieser Stelle. Man merkt das heuzutage immer noch am Beispiel unserer Einstellung zu Tieren. Die meisten Menschen scheinen pauschal davon überzeugt zu sein, dass sie erstens keine Tiere sind und zweitens dazu berechtigt sind, mit Tieren alles zu machen, was ihnen gerade richtig erscheint (und zwar grundsätzlich richtig, nicht etwa richtig aus der Perspektive des Wohls der Tiere). Die Überzeugungen unserer Vorfahren, wozu eine Frau bestimmt ist und wie mit Sklaven zu verfahren ist, scheinen da gar nicht so unähnlich.

Das Problem einer modernen Demokratie besteht aus meiner Sicht darin, dass man bei gleich bleibenden Machtverhältnissen die traditionale Legitimationsgrundlage verloren hat. Dank dem Postulat der Gleichberechtigung und der Partizipation ist es zunehmend illegitim, die Vormacht bestimmter Menschen(gruppen) damit zu rechtfertigen, dass sie einfach nur besser sind. Du kannst nicht ernsthaft einfach sagen, du wärest als besserer Mensch  geboren. Das neue Märchen lautet nun: Ich weiß es besser. Die Begründungen dafür können sehr verschieden sein, wie "ich habe mehr Erfahrung", "ich habe in *** meinen Abschluss in ***wissenschaften gemacht", oder "ich hab was davon gelesen" - doch das alles läuft auf das Gleiche hinaus. Dabei sind die meisten, die das behaupten, einfach nur lauter und wissen es, die Schwäche und Unsicherheit der Anderen für sich zu nutzen.

Und nein, das heißt nicht, dass die Eltern eines kleinen Kindes ihm nicht sagen können, dass es nicht so klug wäre, auf einer Autobahn zu spielen oder tonnenweise Schokolade zu essen. Das heißt auch nicht, dass Menschen, die über deutlich mehr "klassische" Bildung verfügen als ich, mir nicht erklären sollen, was im 30-jährigen Krieg passiert ist und wann das überhaupt war. Dennoch halte ich das Alles-Besser-Wissen-Wollen für eines der größten (wenn nicht das größte) Übel der Menschheit im Moment, dient es doch schließlich dazu, die alten Ungleichheiten hinter einer neuen Fassade zu zementieren.

Denkt doch mal nach: Wisst ihr es wirklich immer besser?

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Einfach mal Dagegen sein.

Erstellt von Schreiberling am Freitag 3. Juni 2011

Es ist schon beeindruckend. Hunderttausend Menschen demonstrieren mal wieder gegen Atomkraft. Überall in den Medien sehen wir die Anti-Atom-Sonne und auch die Politik scheint ein ganzes Stück weit umzuschwenken, wenn nicht gar umzukippen.

Nein, ich will keinen tagesaktuellen Beitrag schreiben. In diesem Blog geht es ja immer schon um Themen, die mehr als ein paar Tage Bestand haben. Häufig genug würde ich dazu schreiben: leider.

Was mich allerdings an dieser Protestbewegung faziniert, ist die Tatsache, dass sie über Jahrzehnte lang immer weiter gewachsen ist. Und dass heute ganze Familien, über drei Generationen hinweg, auf die Straße gehen, um die Welt ein Stück besser zu machen.

Leider ist das nicht immer so. Etwa zur gleichen Zeit zieht eine Demonstration durch Magdeburg. Dort findet ein Gerichtsprozess statt, weil ein Flüchtling, Oury Jalloh, in einer Polizeizelle in Dessau verbrannt ist. Und wie sogar konservative Medien schreiben,  ist davon auszugehen, dass es ein Mord war. Auf dieser Demo waren maximal zwei Generationen. Und vielleicht hundert Menschen insgesamt.

Auch bei dieser Demo geht es mir nicht um den tagesaktuellen Bezug. Obwohl ich finde, dass dieser Skandal erstaunlich weit in den Hintergrund der Aufmerksamkeit gelangt ist.

Mich beschäftigt die Frage: Warum gelangt ein Thema bis in die Herzen der Menschen, in die Diskussionen der Stammtische und sogar bis in alle Medien und das andere nicht?

Dazu vergleiche ich mal die beiden politischen Themen unter von mir wilkürlich gewählten Gesichtspunkten für den Fall, dass ihr Protest Erfolg hätte.

  1. direkte Gewinner:
  2. Atomkraft : Insbesondere Firmen, die Kraftwerke für regenerative Energien produzieren. Außerdem Anleger, die genug Geld haben, um selbst Kraftwerke zu errichten, sowie alle, die Flächen haben, auf denen diese Kraftwerke (Solarzellen, Windkraftwerke, Blockheizkraftwerke) errichtet werden können.
    Rassistischer Mord : Alle Migranten und Schwarze.

  3. direkte Verlierer:
  4. Atomkraft: Einige große Konzerne. Einige Aktionäre.
    Rassistischer Mord : Die Polizei, alle Rassisten, alle Menschen, die sich eine Aufwertung gegenüber anderen benachteiligten Menschen erhoffen.

  5. Kosten für Demonstranten:
  6. Atomkraft : Gering, da der Protest gesellschaftlich legitimiert ist.
    Rassistischer Mord : Etwas höher, da Demonstranten in dieser Sache durchaus von Einigen schief angesehen werden.

  7. Kosten für die Gesellschaft:
  8. Atomkraft: Gering. Vorübergehend erhöhte Strompreise.
    Rassistischer Mord: Erheblich. Im Moment werden Migranten und Flüchtlinge sehr benachteiligt. Eine Gleichstellung würde erhebliche Kosten mit sich bringen, neue Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt bedeuten und diverse Fragen aufwerfen, wie: Warum fliehen Menschen? Was haben die Menschen in Deutschland damit zu tun? Und auch: Dürfen wir auf Kosten Anderer unser Leben verbessern?

  9. Gewinn für Demonstranten:
  10. Atomkraft: Das Gefühl, etwas Großes geschafft zu haben, was vielen Generationen hilft. Ein Gemeinschaftsgefühl mit den vielen Mitdemonstranten und der Mehrheit der Gesellschaft.
    Rassistischer Mord: Das Gefühl, etwas geschafft zu haben, was unmittelbar die Gerechtigkeit in Deutschland verbessert. Ein geringes Gemeinschaftsgefühl mit einer kleinen Szene.

  11. Gewinn für die Gesellschaft:
  12. Atomkraft: Keine Gefahr eines GAUs in der umittelbaren Umgebung mehr. Langfristig niedrigere Stromkosten und weniger Atommüll. Außerdem weniger Krebsfälle durch atomare Niedrigstrahlung.
    Rassistischer Mord: Eine etwas gerechtere Gesellschaft.

  13. Änderung des eigenen Verhaltens:
  14. Atomkraft: Eigentlich überhaupt nicht. Strom kommt noch immer aus der Steckdose.
    Rassistischer Mord: Immens. Wenn man sich wirklich den Problemen des Rassismus annehmen will, muss man sich auch mit sich selbst beschäftigen, die eigene Überlegenheit in Frage stellen, das eigene rassistische Verhalten reflektieren und ändern. Die eigene Bevorzugung gegenüber anderen Menschen aus ärmeren Ländern hinterfragen. Auf einige Vorrechte gegenüber anderen Menschen verzichten

Nach dieser Gegenüberstellung wird mir klar, warum die Anti-Atom-Bewegung so stark ist und antirassistische Bewegungen so schwach sind. Insbesondere der letzte Punkt: Das Verändern der eigenen Verhaltens- und Lebensweise - scheint mir immens schwierig und alles Andere als gemütlich. Das sieht man auch bei anderen Themen. Deswegen ist z.B.  die soziale Frage viel weiter in den Hintergrund getreten als der Klimawandel.

Wenn ich ein paar Protestbewegungen nun miteinander vergleiche, komme ich auf folgende Liste,  die nach der Schwere der Veränderung für das Leben des  Einzelnen geordnet ist.

  1. Atomkraft-Proteste (Leben muss nicht geändert werden)
  2. Antifaschismus (Für die Meisten nichts zu ändern, höchstens ein paar Straßenumbenennungen etc.)
  3. Klimawandel (Einiges zu ändern, zum Beispiel das Fahrverhalten, aber durch neue Techniken (Elektroautos etc.) überschaubar)
  4. Die soziale Ungleichheit (Einiges zu ändern, eigener Lebensstil wird hinterfragt)
  5. Rassistische Ungleichheit (Alles zu ändern, insbesondere wenn man die globalen Auswirkungen, die Migrationsfrage und das Wirtschaftssystem, das auf Ausbeutung anderer Länder beruht, mit hinterfragt.)

Genau so wie in dieser Liste, sind auch die Bewegungen, die einzelne Politikfelder verändern wollen, in ihrer Stärke geordnet. Wohl kaum ein Zufall.

Ich will jetzt nicht schreiben. dass es falsch wäre, gegen die Atomkraft zu sein. Oder auch einfach. Aber es ist einfacher als vieles Andere. Und dass es nicht daran liegt, dass die Menschen bei der globalen Ausbeutung einer anderen Meinung sind, als bei der Atomfrage,  ist auch beweisbar. Niemand, den ich kenne, bestreitet, dass Fair-Trade- Produkte nötig sind. Das beweist ja, dass bei den meisten Menschen auch das Verständnis für die  globale Ungerechtigkeit vorhanden ist.  Und trotzdem konsumieren wir zu gerne auf  Kosten anderer, scheinbar niederwertiger Menschen. Zur Beruhigung des eigenen Gewissens kaufen wir auch deshalb immer wieder mal fair trade ein. Aber nur weil wir gerade das tun können, ohne unser Leben wirklich ändern zu müssen.  Gegen das ganze ungerechte System demonstrieren  nur wenige Menschen. Wohl auch, weil sonst die Gefahr bestehen würde, dass sich alles ändert.

Auch wenn ihr es kaum glauben könnt. Ich mag Menschen und denke das sie sich weiterentwickeln können, hin zu einer besseren Welt. Daher hoffe ich auch, dass ihr schon Bestandteil mindestens einer Protestbewegungen seid. Und wenn nicht, dass ihr zumindest eure Meinung dazu habt und z.B. euch gegen die Atomkraft aussprecht.

Gerade deshalb bitte ich euch, wenn ihr schon der Meinung seid, dass es auf dieser Welt ungerecht zugeht, seid doch einfach mal öffentlich dagegen. Geht demonstrieren, betrachtet Menschen anderer Hautfarbe als der euren als gleichberechtigt und denkt darüber nach, wie ihr die Welt besser machen könnt. Auch wenn es euch ziemlich schwer fällt und ihr keine direkten Vorteile davon habt. Denn es kann leider nicht immer einfach sein, dagegen zu sein.

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Das Leben der Anderen

Erstellt von Schreiberling am Mittwoch 1. Juni 2011

Hast du Sex mit deinem Freund? Wer jetzt denkt, dass er im falschen Blog gelandet ist, kennt die Lebensrealität von Menschen aus Nicht-EU-Ländern nicht. Wenn diese mit einer Person verheiratet sind, denkt scheinbar fast jeder darüber nach, ob es sich um eine sogenannte Scheinehe handelt. Auch vor anderen Fragen können sich entsprechende Personen nicht retten: Ob sie zurück nach Hause wollen? Wie denn ihr Herkunftsland so sei? Was die Menschen aus XY denken? Wie Deutschland sei? Oder auch, wie es möglich sei, dass die Person so toll Deutsch spreche?

Meist sind all diese Aussagen mit einer zu erwartenden Antwort gepaart, denn eigentlich weiß man es ja eh besser. Natürlich ist Deutschland besser; man will nicht zurück, sollte aber; die Menschen aus XY denken ja eh nur daran, wie man Deutschland ruinieren kann; und Deutsch hat man erst in Deutschland lernen können. Und, ach ja, was den Sex angeht, ist man durchaus mit beiden Antworten einverstanden. Wobei man bei Ja natürlich denkt das man nur Sex hat, um hier zu bleiben, und bei einem Nein, dass man Betrüger ist.

Auch bei anderen Situationen werden Menschen aus anderen Regionen wie Exoten behandelt. Selbst Menschen, die in Deutschland geboren sind, sollen als Türken über jedes Detail der Türkei Bescheid wissen, weil sie einen Pass des Landes besitzen. Schon der leichteste russische Akzent macht einen Menschen zum Spezialisten für den Tschetschenienkonflikt. Und über Deutschland wissen diese Menschen natürlich nichts. Dabei kann ich Deutsche, die Alemanisch reden, auch kaum verstehen, und habe auch keine Ahnung, wer gerade Verkehrsminister von Sachsen ist. Wieso erwarte ich das also von anderen?

Dabei geht es mir nicht darum, dass Menschen sich nicht für andere Menschen interessieren dürfen. Im Gegenteil, oft interessieren sich Menschen viel zu wenig füreinander. Wenn wir schon den Luxus haben, nicht vor lauter Elend wegsehen zu müssen (in manchen Ländern würde man es nicht überleben), sollten wir uns ein wenig für das Wohl des Nächsten interessieren.

Aber wieso interessieren wir uns bei Menschen, die zufällig eine andere Nationalität haben, für so andere Dinge, als bei Menschen die wir sonst so kennenlernen? Sind sie wirklich Andere?

Zuerst gebe ich zu bedenken, dass eine Person, die als nicht EU-Bürger geboren ist, einfach zufällig in einer anderen Nation geboren wurde, oder sogar in der EU geboren wurde aber Eltern hat, welche nicht die "richtige" Staatsbürgerschaft hatten.
Und das ist wirklich Zufall. Kaum jemand hat sich diese Staatsbürgerschaft verdient (wenn, dann gerade Menschen, die vorher noch Ausländer waren), und wenn die Sowjetunion nicht untergegangen wäre, könnten vielleicht auch Menschen östlich von Braunschweig sich nicht als EU-Bürger fühlen.

Warum sollte X aus Köln das Recht haben, nach Hannover zu ziehen, und Y aus Nairobi nicht? Und was macht X denn zu einem Menschen, der einen Anspruch auf seine bürgerlichen Rechte hat, und Y zu einem Untermenschen? Wenn die Grenzen etwas anders wären, wären völlig andere Menschen drinnen und draußen.
Dabei steht sogar in den angeblich von allen hier geachteten Menschenrechten, dass jeder Mensch das Recht hat, sein Land zu verlassen. Aber wo sollte der Mensch denn hin, wenn ihn niemand aufnimmt?

Natürlich kann man dazu alle möglichen politischen Positionen einnehmen. Auch wenn manche Positionen die Menschen, die sie haben, als Arschlöcher entlarven. Davon unabhängig bleiben die Menschen, mit denen man kommuniziert, erst einmal Individuen. Und damit haben sie die selben Rechte wie andere Menschen auch.

Das bedeutet erst einmal: Sie haben das Recht, sich da aufzuhalten, wo sie sind. Wenn der Staat, in dem sie sich befinden, das anders empfindet, geht das keinen anderen Menschen an. Es gibt gute Gründe, warum die Stasi als so negativ empfunden wurde. Wo wäre denn der Unterschied, wenn man auch in der real exisierenden Demokratie die selbe Neugier an den Tag legt? Ob man dann offiziell mit dem Staat zusammenarbeitet oder nicht, ist egal. Für die Betroffenen wirkt die ständige Wiederholung der immer gleichen, exklusiv für andere geschaffenen Fragen und Aussagen, wie die perfekte Überwachung.

Auch wenn es viele nicht wahrhaben wollen, die "Anderen" bleiben Individuen. Das bedeutet, sie müssen keine Ahnung von einem Land haben (auch wenn sie da geboren wurden), dürfen jede Sprache gelernt haben, wann und wie sie wollen (auch Deutsch), können (solange man sie noch verstehen kann) einen Akzent ihr eigen nennen und haben interessante Eigenschaften, die vielleicht kein anderer Mensch in ihrem Land genauso besitzt.

Und sie haben eine Privatsphäre. Sie sind nicht verpflichtet, uns irgendwelche Auskünfte über ihr Privatleben zu  geben. Erst recht nicht, ob und mit wem sie Sex haben.

Wenn man das erst einmal begriffen hat, kann man Menschen wirklich kennenlernen. Feststellen, dass sie tolle Seiten haben und furchtbare Marotten. Und natürlich kann man, nachdem man jemanden mehrere Monate kennt, fragen, wie es denn bei ihr/ihm war, und wo man was gelernt hat und vielleicht sogar wie die Beziehung so läuft. Aber das macht man ja auch bei Menschen jeder Herkunft und Staatsangehörigkeit.

Dann kann man sehen, dass sie nicht Andere sind. Sondern Freunde, Bekannte oder auch Feinde. Aber eben einzigartige Wesen. Wie ihr.
Und alles, was man dafür machen muss, ist, sie nicht anders zu behandeln. Sondern ihnen einfach die selben Fragen zu stellen, die einen wirklich an dieser Person interessieren. Einfache Fragen wie: Wie heißt du? Was ist dein Lieblingsessen? Welche Musik magst du? Oder auch: kennst du den Film "Das Leben der Anderen" schon?

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Liebe und andere Kleinigkeiten

Erstellt von Schreiberling am Montag 30. Mai 2011

Einer der ersten von mir aus ästhetischen Gründen nicht freigegebenen Kommentare drehte sich um Liebe, etwas, was der Kommentator (zweifellos ein Mann) für erfunden hält. Ich selbst bin mir jedoch sicher, dass es Liebe gibt, schließlich habe ich selbst schon geliebt. Aber so einfach ist das dann doch wieder nicht.

In Deutschland haben wir erstaunlich viele Kategorien, um die Beziehungen, die wir zu anderen Menschen pflegen, zu beschreiben. Ohne lange nachzudenken fallen mir da Freund, Geliebter, Liebste, Kumpel, Kollege, Bekannter, Partner, Mann/Frau und Nachbar ein. Und das sind alles nur eher positive Bezeichnungen. Außerdem sind sie alle nicht wirklich scharf, denn ein Nachbar kann auch zwei Blocks weiter wohnen, die Liebste kann auch eine fast Unbekannte sein und der Kollege arbeitslos. Dazu kommen noch irsinnig viele Vorsilben, welche die eigentliche Bezeichnung wieder verändern. Zum Beispiel die beste Freundin, der flüchtige Bekannte, die Exnachbarin und mein Freund.

Richtig verwirrend wird es dann wenn man eine Gruppe von Menschen fragt, was sie zum Beispiel unter FreundIn verstehen. Denn dieses Wort hat scheinbar mehr Definitionen als es Menschen auf der Welt gibt.
Für manche ist ein Freund eine Person, für die man seinen Beruf aufgeben oder eine Niere spenden würde. Für andere nur eine Person, über die man sich meistens freut, wenn man sie sieht und die man völlig vergisst, wenn man sie gerade nicht vor Augen hat. Das schon sprichwörtliche "sich auf Freunde nicht verlassen zu können" zeigt das Dilemma, das damit einhergeht.

Auch bei Liebe ist das so. Wenn jemand sagt: "Ich liebe dich", kann dies bedeuten, dass der/die Sprechende sein Leben mit dir verbringen will, genauso kann es aber bedeuten "Ich will Sex mit dir" oder auch "du bist ein toller Mensch". Sogar wenn die eigenen Eltern diese Worte aussprechen, weiß man nicht ob sie nur bemerkt haben, dass man gerade da ist oder sie dich für den Mittelpunkt des Universums halten.

Bei so viel Interpretationsraum ist es ein Wunder, dass es Beziehungen gibt, die ein Leben dauern, dass man sich auf manche Freundschaften wirklich verlassen kann oder auch nur, dass Menschen überhaupt noch etwas glauben.

Immerhin ist die Schuldfrage bei diesem Thema schnell geklärt. Wir selbst sind es, die es uns unmöglich machen, anderen noch zu glauben. Dabei wäre es mit wenigen vernünftigen Gedanken anders möglich.

Wenn man nur ein wenig darüber nachdenkt, stellt man fest, dass es fair wäre, nur solche Menschen Freunde zu nennen, für die man wirklich da sein will, auch wenn es ihnen scheiße geht und man selbst gerade extrem viel Wichtiges zu tun hat. Denn wenn alle so handeln würden, weiß man, dass man sich auf Freunde verlassen kann. Nur so kann es fair zwischen den Menschen zugehen.
Denn wenn man Menschen Freunde nennt, die einem nicht so viel bedeuten, schadet man den Menschen, die mehr in diesem Wort sehen. Wenn man es hingegen gegenüber Menschen verwendet, die viel weniger darin sehen, schadet es ihnen nicht. Und wer will schon seinen Freunden schaden ?

Das bedeutet aber auch, dass man kein schlechtes Gewissen haben muss, nicht jeden Bekannten einen Freund zu nennen. Und dass es auch fair wäre, mal eine Freundschaft zu beenden, statt sie einfach zu vergessen. Aber man sollte auch nicht von anderen erwarten, dass sie dich so einfach ihren Freund nennen. Freundschaft sollte wieder etwas besonderes werden.

Ich weiß, dass ich damit gegen einen Trend anschreibe. Denn zum Beispiel bei Facebook gibt es gar keine andere Möglichkeit als Mensch zu Freunden zu erklären, wenn man irgendwie mit ihnen verlinkt sein will. Aber wer würde schon erwarten, dass ein Facebookfreund dir seine 10 000 € schenkt, damit du deinen schon lange erträumten Urlaub machen kannst ? Niemand mit Verstand denke ich. Bei Menschen, die Freundschaft noch ernst nehmen, kommt sowas aber vor. Und noch viel mehr Schönes, was es wert macht, für den Begriff zu kämpfen.

Ganz anders sehe ich es bei vielen der anderen Beziehungsbegriffe. Ich selbst komme eigentlich mit vier Begriffen aus. Freunde, Familie (dazu schreibe ich ein andermal mehr), Bekannte und Geliebte. Alle anderen brauche ich nicht. Und da es in anderene Sprachen auch viel weniger Begriffe gibt, ist es bewiesen, dass sie nicht unbedingt notwendig sind. Manchmal ist weniger auch mehr.

Doch bei aller Freundschaft, der Begriff um den es eigentlich ging, war ja Liebe. Aber bei meinem Verständnis brauch ich dazu auch nicht viel zu schreiben. Wenn ich jemanden liebe, dann ist das für mich ein Gefühl, das mein sonst so egozentrisches Weltbild um einen zweiten (oder dritten) Planeten erweitert. Dann ist es ein Gefühl, das mein Leben ein Stück schöner macht, und dann ist es mir auch egal, was der Rest der Welt dazu sagt.
Nur wäre es schön, und wenn ihr das nur mir zuliebe macht, wenn dieser Begriff nur verwendet wird, wenn er auch so gemeint ist. Man muss einen Menschen nicht verlassen, wenn man ihn nicht mehr liebt. Und es ist niemanden geholfen, wenn man einem Bekannten, nur weil man 25 Jahre mit ihm verheiratet ist, täglich ein: "Ich liebe dich" auf den Weg mit gibt. Wenn dies auch alle beachten würden, wie schön wäre es dann ein "Ich liebe dich" zu hören, selbst wenn es von einer Freundin kommt. Und sollte es uns das nicht wert sein ?

Ich höre jetzt wieder den Kommentator, der einwirft: Wofür sollten wir ehrlich sein, wenn andere uns belügen ? Wenn sie die Vorteile haben wollen, die aus Freundschaften entstehen, aber nicht die Nachteile. Wenn "ich liebe dich" zum Schachzug wird ?
Auf den ersten Blick scheint dies ein Problem zu sein. Aber nicht, wenn man es ehrlich meint. Wenn ich jemanden liebe, heißt es doch nicht, dass diese Person mich lieben muss. Und eine Freundschaft kann auch einseitig sein. Mit solchen Aussagen gehen nur wir eine Selbstverpflichtung ein. Und wenn man sie nur eingehen will, wenn der andere sie auch eingeht, sind die Gefühle kaum echt. Auch bei einer Freundschaft nicht.

Und wenn man eine solche Beziehung eingehen will, kann man doch einen der vielen anderen Begriffe nutzen. Wir haben doch wirklich genug davon.

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Und versuche Gut zu sein…

Erstellt von Schreiberling am Sonntag 29. Mai 2011

Eine Frage, die mich immer wieder bewegt, ist diese: Wie werden Menschen gut ?

Klar, ich kann und will nicht definieren was genau "gut" ist und was nicht. Aber trotzdem scheint es ein allgemeines Moralempfinden zu geben, dass es als negativ empfindet, wenn ein Mensch einem anderen ohne erkennbaren Grund schadet. Ich zumindest habe noch niemanden gefunden, der es nicht als schlecht definiert hätte, ein Baby krankenhausreif zu schlagen.

Dieses Dilemma, das ich "gut" nicht exakt definieren kann, hält mich im Alltag trotzdem nicht davon ab, etwas als gut oder schlecht zu empfinden. Im Gegenteil, fast jede Handlung, die ich bewusst beobachte, bekommt von mir einen moralischen Stempel aufgedrückt. Und trotz allem Pessimismus empfinde ich sehr viele Handlungen als gut.

Das bringt mich wieder zu der Frage: Wie werden Menschen gut ? Aus der kommunistischen Tradition heraus braucht es zum gut werden eigentlich nur einige wenige Dinge: Ein bischen soziale Sicherheit, das Lebensnotwendige (Wohnung, Essen, Kleidung) sowie ein bischen Bildung. Interessanterweise hat der real existierende Sozialismus es scheinbar oft nicht geschafft, diese Dinge den Menschen zur Verfügung zu stellen.

Da sieht es in der real existierenden Demokratie schon besser aus. Zumindest in Deutschland haben die meisten Menschen diese Notwendigkeiten. Müsste daraus nicht geschlossen werden, dass die meisten Menschen dann auch gut handeln ? Und bei allem Optimismus, das tun sie leider nicht.

Selbst sehr reiche Menschen verhalten sich nach meinem Moralempfinden sehr schlecht. Und ziemlich arme Menschen oftmals viel besser. Dabei wäre es für einen Professor so viel einfacher, einen Obdachlosen mit zu versorgen, als für einen armen Arbeiter. Trotzdem kenne ich Arme, die anderen Menschen helfen, bis zu ihren existenziellen Grenzen. Und Professoren, die so tun, als ob es keine Armut gäbe, und wenn doch sie zumindest nichts angehe.

Eine Freundin hat mir gesagt, dass Dinge wie Bildung, Zeit zum Denken, das Lebensnotwendige und keine Angst vor der unmittelbaren Zukunft nur Voraussetzungen sind, um ein "guter" Mensch zu werden. Denn es stimmt zwar, dass es eigentlich unmöglich ist, "gut" zu werden, wenn man dann verhungert, aber es ist sehr wohl möglich, "schlecht" zu bleiben, auch wenn man vor den Gefahren des Sterbens relativ sicher ist. Damit hätten wir die Frage zumindest teilweise beantwortet: Was braucht Mensch um gut werden zu können ? Aber nicht: Wie werden Menschen gut ?

Liegt es daran, dass Menschen glauben, nach dem Leben belohnt oder bestraft zu werden ? Kaum, denn ich kenne genug Atheisten und Agnostiker, die Gutes tun.

Oder vielleicht daran, dass sie eine Empathie entwickeln, die sie mit anderen Menschen Mitleid empfinden lässt? Auch eher nicht, denn oft tun Menschen Gutes, die sehr wenig Gefühle für andere zeigen. Und andere nehmen ihren Schuldnern das letzte Hemd und haben dabei Tränen in den Augen.

Ist es vielleicht das Wissen wie alles funktioniert ? Die Zusammenhänge ? Die Folgen des eigenen Tuns ? Auch Unsinn, die meisten Menschen, die Gutes tun, denken in diesem Moment überhaupt nicht an die Folgen. Es fühlt sich einfach richtig an.
Aber macnhe Menschen tun Gutes auch als Ergebniss ihrer Denkprozesse. Ein Gefühl scheint es auch nicht immer erklären zu können.

Vielleicht sind es die Gene. Aber auch das erscheint mir dumm. Denn wenn ich Babys anschaue, entdecke ich nichts Böses. Sie erscheinen mir oft jenseits von gut und böse. Sie versuchen, die Welt zu verstehen, und machen Dinge, die sie nicht begreifen. Und aus manchen werden eher gute und aus anderen eher schlechte Menschen. Auch hier muss ich zugeben, dass es Kinder mit einer "schönen" Kindheit leichter zu haben scheinen, Gutes zu tun. Aber auch Kinder mit einer sehr unangenehmen Kindheit können gute Menschen werden. Und Kinder von fürsorglichen Eltern Arschlöcher.

Wieder keine Antwort auf meine Frage: Wie werden Menschen gut ?
Ich begreife, dass ich mich im Kreis drehe und nur weiß, dass ich nichts weiß.
Aber nein, das ist gelogen, ich habe ja immerhin festgestellt, dass es einige Dinge braucht, um einem Menschen die Möglichkeit zu geben, "gut" zu sein. Und vielleicht wäre es "gut", sich in erster Linie dafür einzusetzen, dass jeder Mensch die Chance hat, gut zu werden. Die schlechten Menschen wird man dann immer noch finden. Aber dann wären sie mehr selbst dafür verantwortlich. Und man könnte jeden Menschen ehrlich und ohne Sarkasmus bitten: … und versuche Gut zu sein.

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Arme reiche StudentInnen

Erstellt von Schreiberling am Freitag 27. Mai 2011

Die meisten Menschen, die in Deutschland studieren, gehören den eher reicheren Familien an. Und fast alle Eltern behaupten, sie würden ihre Kinder lieben.

Daraus ließe sich schließen: Die meisten Studierenden müssten ein finanziell sorgenfreies Studium haben. Irritierenderweise trifft man ständig irgendwelche Menschen, die studieren, in den verschiedensten schlecht bezahlten und alles Andere als interessanten Hilfsjobs in der Gesellschaft an.

Warum bloß ?

Eine kurze unrepresentative Umfrage unter mir bekannten Studierenden ergab, dass sie von ihren Eltern zwischen 200 und 800 € im Monat bekommen. Die meisten orientieren sich dabei an den Bafög-Sätzen (ab Oktober 2010 maximal 670€) und streichen dann noch ein wenig weg ("schließlich kann er ja noch bei uns zum Essen kommen") oder geben ein paar Euro mehr ("schließlich soll sie nicht so arm sein wie die Bafög-Empfänger").

Natürlich vergessen die Eltern nicht, erst einmal die Krankenversicherung von den 670 € abzuziehen, oder auch gleich die Unterstützung in den Semesterferien ganz einzustellen, schließlich arbeitet man zu der Zeit nicht.

Wenn man hingegen auf die Websites der Unis schaut, taucht ein eklatanter Widerspruch auf. Erst einmal wird dort erwartet, dass man für einen Bachelorstudiengang durchaus 22 bis 25 Präsenzstunden wöchentlich wahrnimmt und dass man noch mal doppelt so viel Arbeit außerhalb der Präsenzstunden erwartet. Selbst wenn man davon ausgeht, dass die faulen Studenten nur genau so viel außerhalb, wie innerhalb der Präsenzzeiten für die Uni schuften, hat man es mit einer 44- bis 50-Stunden-Woche zu tun.

Auch in der vorlesungsfreien Zeit ist es kaum besser, wird doch erwartet, dass man dort Praktika, Hausarbeiten und Summerschools unterbringt.

Nun stellt sich die Frage: Wenn Ihnen jemand eine 44- bis 50-Stunden-Woche ohne bezahlten Urlaub und mit großer Eigenverantwortung für 200 bis 800 € Netto im Monat anbieten würde - würden Sie ihn annehmen ? Und selbst wenn ja, würden Sie denken, dass die Person, die Ihnen einen solchen Hungerlohn zahlt, Sie liebt ?

Ich würde es nicht.

Dazu kommt, dass die Eltern kaum am Hungertuch nagen. Zum Beispiel haben die Eltern der Studentin, die nur 200 € bekommt (ein Stundenlohn von 1,14 €) sich gleichzeitig einen gehobenen neuen Mittelklassewagen angeschafft, ohne dass der alte funktionsuntüchtig geworden wäre. Andere Eltern müssen ganz dringend Urlaub auf Hawai machen oder brauchen einen neuen Teppich. Arm erscheint mir das nicht.
Natürlich plagen auch viele Eltern Geldsorgen, denn gerade Hypotheken oder Raten können das eigene Einkommen sehr schmälern. Aber was würden wohl die Eltern sagen, wenn das Kind 300 € mehr fordert, weil es einen Kredit aufgenommen hat, um sich ein Auto zu kaufen, und nun die Raten nicht bezahlen kann ?

Besonders absurd wird es dann, wenn die Kinder dann doch einen Nebenjob finden, oder sogar ein Stipendium bekommen. Dann können die Eltern noch mehr an ihren Kindern sparen (oder sogar gewinnen, schließlich gibt es Steuerersparnisse und Kindergeld). Denn dies wird meist als Grund angegeben, die Unterstützung zumindest teilweise zu reduzieren. Die Kinder mit einen 44-Stunden-Job arbeiten somit noch einige Stunden extra, nur um den Eltern noch mehr Überfluss zu ermöglichen.

Natürlich ist es unfair, etwas als Überfluss zu deklarieren, das für Andere unbedingt zum Leben dazugehört. Aber wenn ich jemanden liebe, dann bin ich durchaus bereit, mein Einkommen gleichmäßig mit dieser Person zu teilen, oder noch besser, eine gemeinsamme Ökonomie mit ihr zu haben. Und wenn das Geld nicht reicht, bin ich auch bereit, auf (fast) alles zu verzichten.

Wieso kommen Eltern eigentlich nie auf die Idee, das Gesamteinkommen der Familie durch die Anzahl der Familienmitglieder zu teilen, oder ihren Kindern einfach eine Geldkarte für ihr Konto ins Studium mitzugeben ? Halten sie die einfach nur für absolut unfähig, mit Geld umzugehen, oder für so hinterlistig, dass sie ihre Eltern bis auf das letzte Hemd ausnehmen würden ?

Umgekehrt scheinen die studierenden Kinder ihre Eltern sogar über alle maßen zu lieben. Denn sie verteidigen ihre Eltern, wenn man sie auf solche Verteilungsungerechtigkeiten hinweist, arbeiten gerne, um ihren Eltern das leben zu erleichtern, und unterwerfen sich brav jeder Kritik an ihrem Lebensstil, wenn den Eltern die Fairtrade-Schokolade zu teuer ist, oder sie zu langsam studieren (das dies auch am Nebenjob liegen könnte, fällt den Eltern nicht auf). Die studierenden Kinder sind sogar richtig dankbar wenn sie dann mal 20 € geschenkt bekommen, weil sie ihre Eltern besuchen, und nutzen das Geld dann auch gleich, um den Eltern ihr ehemaliges Kinderbett abzukaufen, damit sie nicht mehr auf dem Boden schlafen müssen.

Ich frage mich manchmal, ob Eltern wirklich so blind sind, oder ihre Kinder einfach nicht mögen. Auf jeden Fall sollten sich die Eltern daran erinnern, dass sie entschieden haben, ihre Kinder zu bekommen, und nicht umgekehrt. Und das die 670 € Bafög angeblich das Minimum sind, das man zum Studieren braucht, und nicht das angemessene Gehalt oder sogar das Maximum.

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