„Du hast ja keine Ahnung!“
Erstellt von Yak am Samstag 4. Februar 2012
Es ist ein leider ziemlich beliebtes Spielchen bei Diskussionen: Wechselseitig sprechen sich die Beteiligten die Berechtigung ab, zu einem bestimmten Thema etwas sagen zu dürfen. Dabei unterscheiden sich Alltagsgespräche nicht von politischen Debatten oder akademischen Diskursen – der oder die andere hat halt einfach keine Ahnung. Schließlich hat das Gegenüber ja nicht studiert / war damals noch nicht geboren / hat das entscheidende Buch von Prof. Wichtig nicht gelesen / hat die bahnbrechende Studie von Institut Oberschlau falsch interpretiert / hat ein völlig falsches Weltbild / ist in seinem Lebenswandel nicht konsequent genug, um irgendwas kritisieren zu dürfen / … / oder ist schlicht zu blöd, um die simpelsten Zusammenhänge zu kapieren.
Genauso gerne erklären manche Menschen (ziemlich viele leider) anderen Menschen Dinge, die diese weitaus besser wissen, da sie unmittelbar davon betroffen sind. So, wenn etwa ein ehemaliger Landesfinanzminister, der neben seiner Pension noch umfangreiche Einnahmen aus Buchverkäufen erzielen dürfte, ganz genau zu wissen glaubt, wieviel Geld arme Menschen für eine abwechslungsreiche und gesunde Ernährung brauchen – ohne die Menschen, über deren Leben er einfach mal so eben entscheidet, gefragt zu haben oder näher auf ihre Bedürfnisse einzugehen. Noch mehr Beispiele und eine gute Analyse des Problems stehen im Beitrag „Die Besserwisser“ weiter unten auf dieser Seite. Auch anderswo sind Menschen darauf aufmerksam geworden, etwa auf der Seite „Derailing for Dummies“ (leider nur auf Englisch), wo man lernen kann, wie man in Gesprächen mit marginalisierten Gruppen mittels wirkungsvoller Tricks („Du hast ja keine Ahnung!“) immer die Oberhand behält. Schließlich weiß man als weißer, wohlhabender, heterosexueller Mann aus einem westlichen Industriestaat prinzipiell besser, wie es dem Rest der Menschheit denn so geht und was die Anderen alles falsch machen.
Wer hat also die Autorität, über ein bestimmtes Thema etwas sagen zu dürfen? Wann habe ich das Recht, anderen zu sagen, was Sache ist, und welches Gewicht sollte meine Meinung haben? Prinzipiell gibt es meiner Ansicht nach zwei grundlegende Fälle, die ich „Betroffenheit“ und „Expertise“ nennen würde und die sich nicht gegenseitig ausschließen, sondern im besten Falle ergänzen.
„Betroffenheit“ bezieht sich darauf, dass meiner Meinung nach Menschen am besten selbst über ihr eigenes Leben Bescheid wissen. Über Dinge, die mich persönlich betreffen, weiß ich normalerweise besser Bescheid, als irgendjemand, der sie nur vom Hörensagen oder aus dem Fernsehen kennt. Das heißt, wenn es darum geht, wie es Menschen geht, deren Familien nicht seit Hunderten von Jahren in Deutschland wohnen, sollte man zuallererst diese Menschen selbst fragen. Wenn ich wissen will, ob es in einer Stadt Probleme mit Rassismus gibt, liegt es nahe, zuallererst diejenigen Menschen zu fragen, die wegen ihres Aussehens, ihrer Sprache oder ihrer Herkunft von Rassist_innen als minderwertig konstruiert werden. Und eben nicht den Oberbürgermeister oder den Polizeichef.
„Betroffenheit“ als Begründung dafür, dass jemand Ahnung von einem Thema hat, ist natürlich nicht unbegrenzt. Natürlich sind Menschen, die direkt involviert sind, in ihren Standpunkten und Meinungen subjektiv und haben nur eine begrenzte Perspektive. Und natürlich lässt sich dieses Kriterium auch übertreiben, wie es etwa mein Großvater getan hat, für den seine persönlichen, begrenzten Beobachtungen, die er während des Überfalls auf die Sowjetunion gemacht hat, immer die höchste Autorität hatten, und der sich durch keine Ergebnis wissenschaftlicher Forschung von seinem Standpunkt abbringen ließ, dass es sich um einen legitimen Präventivkrieg gehandelt habe.
Dennoch ist es meiner Ansicht nach überaus wichtig, die Menschen, die direkt mit dem zu diskutierenden Problem befasst sind bzw. täglich mit den Konsequenzen zu leben haben, zu Wort kommen zu lassen. Sie wissen selbst am besten, wie es ihnen geht.
Mit „Expertise“ meine ich, dass Menschen, die sich ausführlich mit einem Thema beschäftigt haben, normalerweise mehr wissen können, als diejenigen, die das Thema nur flüchtig kennen. Dies gilt umso mehr, wenn Experten sich ihr Wissen systematisch und nachvollziehbar angeeignet haben, wie etwa (im besten Fall, aber leider nicht immer) bei wissenschaftlicher Forschung. Expertise beschränkt sich aber keinesfalls auf Wissenschaft, sondern umfasst ebenso Menschen mit praktischer Erfahrung in einem bestimmten Bereich oder auch einfach jemanden, der sich sein Wissen angelesen hat. Dabei sind natürlich viele Abstufungen möglich – der Bäcker, der seit 20 Jahren Brötchen backt, hat vermutlich mehr Ahnung davon, als jemand anderes nach der Lektüre eines Buches oder des entsprechenden Wikipedia-Artikels.
Wie das Kriterium der Betroffenheit ist auch das der Expertise nicht unbegrenzt: Nicht jeder Mensch mit einem akademischen Titel ist auch wirklich Experte für das Thema, über das er sich gerade in der Zeitung auslässt – oft genug mischen sich Wissenschaftler_innen in Bereiche ein, wo ihnen die Fachkenntnis eigentlich fehlt. Zudem existieren oft sehr unterschiedliche Lehrmeinungen zu einer bestimmten Frage, und manchmal erscheinen Wissenschaftler_innen eher von Ideologie getrieben als von wissenschaftlichen Standards (so erscheint es mir zum Beispiel beim einem Großteil der Wirtschaftswissenschaft).
Ich stehe nun allerdings vor einem Folgeproblem: Denn ich möchte mich natürlich auch zu Themen äußern, von denen ich nicht direkt betroffen bin und mit denen ich mich auch (noch) nicht systematisch beschäftigt habe. Wie vermutlich die meisten Menschen bilde ich mir aufgrund eher flüchtigen Medienkonsums und einigen Diskussionen mit Mitmenschen eine Meinung zu vielen Themen. Nicht auszuschließen ist dabei, dass ich vor allem diejenigen Informationen aufnehme, die meine vorgefassten Meinungen bestätigen. Auf mich trifft meistens keines der oben formulierten Prinzipien zu, weder Betroffenheit noch Expertise.
Trotzdem möchte ich natürlich weiterhin meine Meinung äußern (und tue das auch). Ebenso sollte das meiner Ansicht nach jeder Mensch prinzipiell tun können. Diskussionen über politische, wirtschaftliche, gesellschaftliche und andere Fragen sind wichtig – schon allein zur Kontrolle der Herrschenden – und es wäre falsch, sie auf akademische Zirkel und Selbsthilfegruppen zu beschränken. Das Recht zu allem eine Meinung haben zu dürfen, wurde in der Geschichte in harten Auseinandersetzungen erkämpft und stellt eine wichtige Errungenschaft dar. Grundsätzlich hat also erst einmal jede und jeder das Recht, sich zu allen möglichen Fragen zu äußern, egal wie viel Ahnung oder Ahnungslosigkeit im konkreten Fall vorhanden ist. Ausnahmen würde ich nur bei menschen- und tierverachtender Propaganda (hate speech), krassen Beleidigungen und Bedrohungen machen.
Aus diesem Widerspruch (Betroffenheit und Expertise als Kriterien für „Ahnunghaben“ vs. Recht auf Ahnungslos-Quatsch-Reden für alle) gibt es meiner Ansicht nach keinen einfachen Ausweg. Aber es gibt mühevolle, aber lohnenswerte Möglichkeiten: Sich bewusst werden, wie viel oder wenig man eigentlich weiß. Reflektieren, warum man eigentlich glaubt, Ahnung vom Thema zu haben. Offen dafür sein, eines Besseren belehrt zu werden. Meinungen als vorläufig verstehen und bereit sein, sie zu revidieren, wenn neue Erkenntnisse (von jemandem, der es aus bestimmten Gründen besser weiß) hinzukommen.
Für eine faire und transparente Debatte ist es wichtig, die Quellen des eigenen Wissens offen zu legen - und eben nicht zu behaupten, dieses oder jenes sei offenkundig / allgemein bekannt / sowieso klar etc.. Sondern transparent zu machen, ob man aus eigener Erfahrung spricht, die Freundin eines Bekannten des Schwagers mal jemanden getroffen hat, der Folgendes erlebt hat, ob man ein Buch gelesen hat, sich auf Wikipedia stützt oder auf seine Habilitationsschrift. Dabei geht es nicht um akademischen Fußnotenfetischismus, wo noch jedes Komma belegt und interpretiert werden soll, sondern schlicht darum, fairerweise klar zu machen, wie viel oder wenig Ahnung man vom Thema hat.
Versuchen wir es gleich mal: Wieso sollte man diesem Artikel Glauben schenken und wieso glaube ich, dass ich Ahnung hiervon habe? Allgemein interessiere ich mich dafür, wie Menschen in dieser und anderen Gesellschaften zusammenleben und warum das nicht so gut klappt. Ich habe dazu auch einige Bücher und Studien gelesen. An einer Universität habe ich mich auch herumgetrieben, und dank meines Schmalspurabschlusses habe ich zumindest ein wenig Ahnung vom wissenschaftlichen Arbeiten und vom akademischen Betrieb. Und vor allem habe ich ausgiebige Debatten über das Thema geführt mit dem Menschen, der „Die Besserwisser“ verfasst hat und meiner Ansicht nach von der oben erwähnten Problematik leider sehr viel Ahnung hat.
Trotzdem ist dies sicher nicht der Weisheit letzter Schluss und vermutlich kann man mir leicht nachweisen, dass ich ziemlichen Blödsinn verfasst habe. Schließlich habe ich noch nicht einmal Habermas gelesen.
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